Tag der TGA 2017

"Digitale Transformation, Gebäude und Technik"

Grußwort von M.Sc. Dipl.-Ing. Horst Behr, kommissarischer Vorsitzender des VDI Kölner BV

 

Ingenieure – Kompetenz für unsere Zukunft

 

Sehr geehrter Herr Professor Henne,

liebe Absolventinnen und Absolventen,

liebe Mitglieder des Beirats,

verehrte Gäste,

 

heute bin ich gewissermaßen noch einmal zurück in die Zukunft gereist. Ich spreche heute nämlich nicht nur als kommissarischer Vorsitzender des VDI-Bezirksvereins Köln, sondern auch als ehemaliger Student der TH Köln. Deshalb möchte ich zuerst einmal allen Absolventen unsere herzlichsten Glückwünsche aussprechen. Sie haben eine Menge geleistet und eine entscheidende Investition in Ihr Leben getätigt, die sich wahrscheinlich schon bald für Sie auszahlen wird. Aber seien Sie sich auch sicher: Das Lernen hat für Sie immer noch gerade erst angefangen.

Denn mit einiger Sicherheit werden Sie die nächsten 35, 40 oder sogar 45 Jahre als Ingenieure tätig sein. Zwar sagte Guido Westerwelle einmal: „Der Fortschritt ist eine Schnecke“. Aber damit meinte er den Fortschritt in Politik und Gesellschaft, bei dem man viele Menschen überzeugen und mitnehmen muss. Der technische Fortschritt kriecht nicht. Er scheint lange zu lauern, dann vollzieht er sich oft in Schüben, manchmal in Sprüngen, und ist derzeit so allgegenwärtig, dass am Ende Ihrer beruflichen Laufbahn die Welt eine vollständig andere sein wird.

Man kann technischen nicht ohne gesellschaftlichen Fortschritt denken. Mal kommen Impulse aus der Wirtschaft, mal aus der Politik, mal aus der Technik selbst, und wenn es dann zu Entwicklungsdurchbrüchen kommt, dann eilt der technische Fortschritt plötzlich allen davon. Im besten Fall zieht er die Gesellschaft mit, im schlechtesten Fall überfordert oder überfällt er sie. In diesem schwer vorhersehbaren Geflecht aus Kausalketten haben Sie als Ingenieure eine besondere Stellung. Ohne Sie ist kaum ein globales Problem lösbar, kann aus politischem Willen nahezu nichts Konkretes erwachsen. Sie sind Umsetzer, Sie schaffen Ergebnisse. Im Großen, aber jeder Einzelne von Ihnen auch im Kleinen.

Und Ergebnisse braucht die Welt heute dringender als je zuvor. Unser Leben wird immer mehr bestimmt sein von der Verknappung der Ressourcen, vom Klimawandel, vom notwendigen Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Sie werden die völlige Verschmelzung von Ökonomie und Ökologie nicht nur erleben, sondern aktiv mitgestalten. Ideen, die, als ich meine Karriere begann, als Spinnereien abgetan wurden, sind längst in anerkannte Regeln der Technik überführt worden. Kein Mensch diskutiert mehr über Sinn oder Unsinn von Recycling, Immissionsschutz, regenerative Energien.

Das ist nicht so, weil wir alle Ökos mit Strickpullis geworden wären, sondern weil wir angesichts dramatischer Veränderungen pragmatisch handeln müssen. Eine neue Knappheit bestimmt unser Leben. Heute gilt es eher als Spinnerei, einen Kult um den Verbrennungsmotor zu betreiben oder Fracking für die Lösung des Energieproblems zu halten. Selbst die einst gefeierte Kernenergie ist längst in die Defensive gedrängt geworden – nicht aus Alarmismus, sondern weil wir einfach weltweit viel langfristiger denken als früher.

China wird sich eine Pro-Kopf-Produktion an klimaschädlichen Gasen, wie sie in der westlichen Welt noch immer üblich ist, niemals leisten können – aber über kurz oder lang ein ähnliches Wohlstandsniveau erreichen. Deshalb investiert man dort längst in Greentech, Forschung und Entwicklung – und gibt hohe Umweltauflagen vor. Im Nahen und Mittleren Osten machen sich die Eliten Gedanken darum, wie man angesichts schwindender fossiler Reserven wirtschaftlich langfristig überlebt – und halten intensiv nach Technologien Ausschau, die Sonnenenergie in Massen speicherbar machen. Davon haben sie ohnehin noch viel mehr, als jedes Öllager hergäbe. Küsten- und Inselstaaten befassen sich schon lange mit neuen Lösungen für den Hausbau in überflutungsgefährdeten Gebieten, weil die Meeresspiegel merklich steigen.

Dass Lebensqualität auch mit einer intakten Umwelt zu tun hat, wussten wir zwar schon immer, aber aktiv werden wir meistens erst, wenn die Konsequenzen spürbar unangenehm werden – oder es zu werden drohen. Das liegt wohl der menschlichen Natur. Umso positiver stimmt mich, dass man auf der ganzen Welt immer schneller erkennt, was selbst in Deutschland immer noch nicht alle wahrhaben wollen: Wohlstand darf nicht mehr so zerstörerisch wirken. Und man belässt es nicht bei der simplen Erkenntnis, sondern tut etwas dagegen. Auch wenn das vielgelobte Ingenieursland Deutschland die selbstgesteckten Klimaziele reißen wird und die USA sogar aus dem einst mitinitiierten Pariser Klimaabkommen aussteigen.

Denn aus der Schnecke namens Fortschritt ist ein globales Rennen geworden, das in den nächsten Jahren gewaltig an Fahrt aufnehmen wird. Wo investiert wird, entstehen riesige Chancen: Technologieführerschaft, Marktführerschaft, Vollbeschäftigung, Haushaltsüberschüsse. Möglicherweise werden wir letztlich die Welt retten, weil man damit gutes Geld verdienen kann.

Sie, die Ingenieure mit qualifiziertem Abschluss, werden zum größten Teil später gutes Geld verdienen. Aber Sie werden auch antreten, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Das ist ein hoher Anspruch, aber ohne Ihre Kompetenz und Ihren Sachverstand wird es schlicht nicht gehen. Die Zahl der Baustellen ist immens. Sie durften sich eine aussuchen – und haben sich für die Baubranche entschieden. Innovative Gebäudehüllen, intelligente Heiz- und Kühlsysteme, verbrauchsoptimierende Gebäudeleittechnik, das Cradle-to-Cradle-Prinzip für ganze Immobilien: Suchen Sie sich aus, wo Sie brillieren werden!

Technische Gebäudeausrüstung hat den Vorteil der Nähe zum direkten Umfeld der Menschen. Die Segnungen von Belüftung, Kühlung und Heizung gibt es schon länger, es kommt nun darauf an, Komfort immer besser mit der Bewahrung natürlicher Ressourcen in Einklang zu bringen – im Idealfall sogar, beides gleichzeitig zu verbessern. Die Steuer-, Mess- und Regeltechnik hat in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht. Aber da geht noch mehr.

Denn die Treiber sind schon da: Digitalisierung und weltweite Vernetzung von allem mit allem, das Internet der Dinge und die auf Nutzer individualisierbaren Parameter der Gebäudetechnik. Kein Mensch denkt dabei mehr an die Spielereien der Frühphase, als mit Kühlschränken experimentiert wurde, die von selbst die Milch nachbestellten. Heute geht es um sicheres und selbstbestimmtes Wohnen im Alter, um niedrige Lebenszykluskosten, um Verbrauchsoptimierung für Hotels und Bürokomplexe, um intelligentes Pflegemanagement, um Zutritts- und Sicherheitslösungen mit höchsten Ansprüchen.

Auch der Ingenieur kennt den mühevollen Alltag. Sie werden hart arbeiten und pro Inspiration mindestens das Zehnfache an Transpiration investieren. Vielleicht werden Sie durch enge Schächte klettern oder stundenlang mit Architekten über Kunst und Nichtkunst diskutieren. Aber Ihre große Mission bleibt, dass Gebäude umweltgerecht gebaut, klimaneutral betrieben und ressourcenschonend versorgt werden. Sie werden dazu beitragen, dass Metropolen nicht mehr als stinkende und lärmende Moloche ihr Umland belasten und die Welt aufheizen, sondern lebenswerte Wissenszentren mit angenehmer Atmosphäre werden. Sie sind Teil eines großen Projektes.

Dafür werden Sie nicht gefeiert. Sie werden nicht einmal großartig beachtet. Ingenieure leisten Ungeheures – und wirken doch im Verborgenen. Es halten sich hartnäckige Gerüchte von weltfremden Tüftlern, sonderbaren Nerds, abgehobenen Fachidioten. Leider liegt das auch daran, dass das öffentliche Interesse am Ingenieurswesen nicht so ist, wie wir uns das vorstellen. Deutschland ist in vielen technischen Bereichen Weltspitze und voll mit Hidden Leaders. Aber einen 300 Meter hohen Turm zum Lob des Fortschritts mitten in der Hauptstadt, der auch noch den Namen eines großen Ingenieurs trägt: den kann man hier lange suchen. In unserem größten Nachbarland gibt es das.

Wir Deutschen geben uns gern bescheiden. Aber ich glaube, es reicht nicht, nur den Mund zu halten und seinen Job zu tun. Der VDI hat sich schon immer dafür eingesetzt, dass Technik in der Allgemeinheit auf Interesse und Wertschätzung stößt, dass es einen fundierten und lebendigen öffentlichen Dialog gibt. Die Skepsis gegenüber Technik im Allgemeinen ist oft unüberlegt, denn angenehme Seiten der Technik nehmen alle gern in Anspruch. Um dem selektiven Unbehagen eine überzeugende Antwort zu geben, müssen wir gut argumentieren – und noch besser zuhören. Wo wir aktiv sind, bauen sich Klischees schnell ab, sowohl die über Technik als auch die über Techniker. Aber wir können natürlich nicht überall sein. Deshalb brauchen wir mehr junge Leute, die mitten im Leben stehen und ihre Faszination für Technik offen ausleben. Locker und selbstbewusst, neugierig und gesprächsbereit.

Die Meinungsbildung mitzugestalten ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir vom VDI uns gestellt haben. Dafür bringen wir immer wieder Menschen zusammen: Ingenieure verschiedener Fachbereiche, Studierende mit Arbeitgebern, Öffentlichkeit und Politik mit Vertretern des Berufsstands, Wissenschaft mit Praxis. Das fördert nicht nur gegenseitiges Verständnis und Respekt, sondern führt auch zu neuen Ideen. Und es hat schon vielen zu ihrem Traumjob verholfen, unsere Netzwerke und Plattformen in Anspruch zu nehmen.

Diese sind belastbar und gut ausgebaut. Allein der Kölner Bezirksverein hat fast 7.000 Mitglieder, knapp 50 Förderfirmen und dazu Partner, Sponsoren, Unterstützer und Freunde. Wir knüpfen ständig neue Kontakte und vergessen dabei weder die praktische Seite, noch die Nachwuchsförderung – ob Schulkind oder Absolvent. Wer sich einmal ganz konkret ansehen möchte, was wir in Köln auf die Beine stellen, den möchte ich an dieser Stelle zur Nacht der Technik einladen. In zwei Wochen, nämlich am 23. Juni, findet sie zum sechsten Mal statt und bietet Einblicke in die Ingenieurswelt, die man selten bekommt: Werksführungen, Simulationen, Workshops, Vorführungen bei 64 Unternehmen und Instituten. Dieses einmalige Format begeistert mittlerweile 5.000 Besucher!

Heute stehen wir zusammen hier, weil Sie die Hochschulausbildung, diese sehr, sehr wichtige Etappe abgeschlossen haben und angehende Ingenieure sind. Schon bald werden Sie in konkrete Projekte eingebunden. Den Besten unter Ihnen zeichnen wir heute die ingenieurswissenschaftlichen Abschlussarbeiten aus. Damit möchten wir Ihren Weg in die Berufswelt angemessen unterstützen.

Sie werden nach allem, was wir wissen, eine tolle Zukunft haben. Über 74.000 Stellen sind in Deutschland für Ingenieure derzeit offen, davon fast 40 Prozent im Bauingenieurswesen. Nur 27.000 Ingenieure sind dagegen derzeit arbeitslos – ein Überschuss von fast 50.000 freien, qualifizierten Stellen! Und es werden immer mehr: allein im Vergleich zu 2016 gab es eine Steigerung von über 12 Prozent! In kaum einem Berufszweig sind Sie so begehrt, so heftig umworben, können Sie aus so vielen fantastischen Optionen aussuchen wie im Ingenieurswesen. Dass Sie beste Voraussetzungen mitbringen, haben Sie bewiesen. Natürlich werden Sie sich trotzdem in der Praxis bewähren und angesichts des großen Innovationsdrucks lebenslang lernen müssen.

Aber Sie werden dabei nie allein sein. Mit dem VDI haben Sie eine Plattform für Ideen und Anregungen, für Kontakte und Karrierechancen. Sie haben einen Ansprechpartner, der mit Ihnen und für Sie Themen weiterentwickelt und Verbindungen zu Menschen aufbaut, die Sie voranbringen. Lassen Sie uns gemeinsam eine Welt gestalten, die besser ist, als die, die wir vorgefunden haben. Und bevor wir damit anfangen: Lassen Sie uns gebührend miteinander feiern!

 

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